Pladoyer fur einen aufgeklarten Humanismus--Zuversicht in Zeiten der Gegenaufklarung

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Author: Jan Bleckwedel
Date: Mar. 2019
From: Kontext(Vol. 50, Issue 1)
Publisher: Vandenhoeck & Ruprecht GmbH & Co.
Document Type: Article
Length: 2,618 words
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Zahlreiche systemische Autoren und Autorinnen ausserten sich im Kontext (Heft 4/2018) zum Thema Gesellschaftspolitik. Ein Anlass zur Hoffnung. Der folgende Beitrag kann als Kommentar, Feedback und anknupfende Resonanz verstanden werden, auch wenn er nicht explizit auf einzelne Artikel oder Ausserungen eingeht.

Kontext-bewusst-sein

Jede Kommunikation ist kontextabhangig. Alles was ich tue und sage, geschieht in Kontexten, und die Bedeutung von Worten und Handlungen verandert sich mit den Kontexten.

Ich konnte zum Beispiel sagen lasst uns nach Stabilitat und Harmonie streben. Nehmen wir an, ich bewege mich in einem System, (1) das versucht, Stabilitat und Harmonie mit totalitaren Mitteln durchzusetzen, dann konnte diese, in einem anderen Zusammenhang eher harmlose Aussage (ohne weitere Kontextualisierung) als Unterstutzung von Zensur und gewaltsamer Unterdruckung gedeutet werden. Oder ich konnte sagen, das Vergangene, Probleme und Konflikte interessieren mich nicht, lasst uns nach Losungen Ausschau halten und in die Zukunft blicken. Nehmen wir an, ich bewege mich in einem System, das versucht, die Auseinandersetzung mit problematischen Aspekten oder Schattenseiten zu unterdrucken, wurde ich mich mit dieser Aussage--die in einem anderen Zusammenhang vielleicht eine gewisse Berechtigung hatte, weil das System in einer Problemspirale gefangen bleibt--deutlich gegen das positionieren, was wir Geschichtlichkeit nennen konnen (vgl. dazu Bleckwedel, 2008, S. 52). Jene Geschichtlichkeit, die uns tragt, kontextualisiert und verbindet, die uns lebendig und zukunftsfahig erhalt.

Reflektierte Positionierung (2)

Als Therapeut/innen konnen wir politische Kontexte zwar ausblenden, das ja, aber uns sollte bewusst bleiben, dass wir uns, ignorieren wir diese Kontexte, durch eben diese Ignoranz politisch positionieren. Wer schweigt, auch der positioniert sich--wir kennen das aus unserer Geschichte.

Im sozialen Miteinander ist es, auch wenn wir in therapeutischen Prozessen weitgehende >>Neutralitat<< anstreben (zur Bedeutung von Neutralitat vgl. Hanswille, 2015, S. 23-27), ebenso unmoglich, sich nicht zu positionieren wie nicht zu kommunizieren (vgl. Watzlawick, Beavin u. Jackson, 2016).

Wenn wir verstehen, dass wir uns in jedem Fall positionieren, dann lautet die interessante Frage, wie wir dies tun. Eine angemessene Losung des Problems liegt darin, sich die eigene weltanschauliche und politische Verortung, ihre Hintergrunde und Wurzeln, bewusst zu machen, und diese in Diskursen situationsangemessen (3) und in passender Form transparent zu kommunizieren. Nichts sollte uns davon abhalten, das eigene Denken auf uns selbst anzuwenden und uns uber uns selbst kritisch aufzuklaren. Erst dadurch konnen Positionen gemeinschaftlich nach fachlichen und ethischen Gesichtspunkten reflektiert werden. Die Wertschatzung der Anderen, oder anderer Kulturen, zeigt sich eben darin, die eigenen Werte und ihre Hintergrunde offen zu legen. Erst dadurch entsteht gegenseitiger Respekt und offener Austausch.

Alles andere offnet der ideologischen Verschleierung und verdeckten Durchsetzung von Macht-, Gewalt--und Herrschaftsverhaltnissen Tur und Tor.

Zur Gegenwartslage

Gegenwartig erleben und beobachten wir weltweit massive gesellschaftliche Spaltungsprozesse. Nicht nur der Unterschied zwischen arm und reich wachst, auch die Moglichkeiten der Teilhabe am gesellschaftlichen Leben, der Einflussnahme auf Entscheidungen (vgl. Anken, 2018) und der aktiven Gestaltung von Lebensverhaltnissen verteilen sich zunehmend ungleich--und zwar sowohl weltweit als auch national oder im Rahmen von Institutionen und Organisationen. Wahrend die einen erweiterte Spielraume nutzen und geniessen, werden andere ausgeschlossen, abgehangt oder klinken sich selbst aus. Dieser Prozess...

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Bleckwedel, Jan. "Pladoyer fur einen aufgeklarten Humanismus--Zuversicht in Zeiten der Gegenaufklarung." Kontext, vol. 50, no. 1, 2019, p. 79+. Accessed 25 May 2020.
  

Gale Document Number: GALE|A589512682